Ab sofort veröffentliche ich regelmäßig einen „Fall des Monats“.
In diesem Format werden Erlebnisse besprochen, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind, weil ich viel daraus lernen konnte. Der Fall ist für mich so etwas wie eine sehr persönliche CIRS-Meldung. Ich hoffe, du profitierst davon und kannst etwas für deine nächste Narkose mitnehmen.

Ich kann mich noch gut an diese eine spezielle Einleitungssituation erinnern. Ich war im ersten Weiterbildungsjahr, der Tag war stressig, das Programm war voll.

Meine Patientin war etwas zu spät eingeschleust worden, im Saal hatte die OP-Schwester ihren Tisch schon gerichtet, und klapperte ungeduldig mit ihren Instrumenten.  Die Operateure saßen bereits angezogen in der Ecke und hatten die Augenbrauen bis zur Haubenkrempe hochgezogen.
Kurzum: Wir hatten es eilig.

Der Schleuser kam mit meiner Patientin um die Ecke, hatte einen entschuldigenden Ausdruck auf dem Gesicht und murmelte etwas von „…ging nicht anders…“ und zog wieder ab. Die Patientin thronte in einer vorgebeugt sitzender Position auf dem OP-Bett, die Hände auf den Knien abgestützt, und atmete schwer. Ihr Teint war blass-bläulich. Und alles was ich denken konnte war: „Wie zum Kuckuck soll ich die denn einleiten?!“ An eine liegende Position war nicht einmal annähernd zu denken.

Ich rief meinen Oberarzt dazu, mit der vagen Erwartung dass ich heute lernen würde, dyspnoeische Patienten im Sitzen einzuleiten. Nach ein paar Minuten kam er, warf nur einen kurzen Blick auf die Patientin, drehte sich wieder zu mir und wiederholte laut die Frage, wegen der ich ihn dazu gebeten hatte: „Wie sollen wir denn hier Narkose machen? Ausschleusen und sofort kardiologisches Konsil, in so einem Zustand wird niemand operiert!“

Ich stand mit großen Augen da, während vor meinem inneren Auge der Tagesplan Risse bekam und in sich zusammenbröckelte. Es hat ein wenig Abstand von diesem Erlebnis gebraucht, bis ich verstanden hatte, was hier eigentlich passiert war. Ich hatte mich vollständig vom Prozess dieses OP-Tages gefangen nehmen lassen. Die Frage „Wie soll ich denn diese Narkose machen?“ hätte besser lauten sollen „Soll ich diese Narkose überhaupt machen?“.

Soll ich diese Narkose überhaupt machen?
Diese Frage sollten wir uns regelmäßig stellen, und zwar nicht nur in Einleitungsräumen. Auch in den Prämedikationsambulanzen muss uns bewusst sein, dass eine OP-Anmeldung den Patienten in eine regelrechte Prozessmaschinerie werfen kann. Und die läuft manchmal völlig ohne Rücksicht auf gesundheitliche Prioritäten ab.

Ist es richtig, an einem Patienten mit schlecht eingestellter COPD einen elektiven Wirbelsäuleneingriff in Bauchlage durchzuführen? Nein.
Ist es richtig, Patienten mit einem verbesserungsfähigen Hb in eine große, elektive viszeralchirurgische OP zu schicken? Nein, ist es nicht.
Ist es richtig, Patienten mit diffusen internistischen Problemen einfach durchzuwinken und ihnen bei manifester Dyspnoe eine Narkose zuzumuten? Ganz bestimmt nicht.

Der Sandmann ist der letzte Arzt, der sich zwischen Patient und Eingriff stellen kann. Und auch wenn einem regelmäßig Unmut entgegen schlägt wenn man hier den Prozess stört – von Operateuren, Patienten oder ihren Angehörigen – müssen wir es, wenn indiziert, dennoch konsequent tun. Denn viel bitterer ist es, sich im Nachhinein wünschen zu müssen: „Hätte ich diese Narkose bloß nicht gemacht.“

Wie sind eure Erfahrungen hierzu? Habt ihr schon einmal Narkosen gemacht, die ihr im Nachhinein nicht hättet machen sollen? Ich freue mich über eure Kommentare.

Herzliche Grüße

Frau Sandmann