Die desaströsen Nachrichten nehmen kein Ende – wo soll denn da bitte eine Chance in der Krise sein?!
Eine berechtigte Frage. Ich gebe zu: Es gibt Momente, da schwanke ich selbst zwischen großer Sorge und großer Informationsverdrossenheit. Ich kann „Corona“ manchmal einfach nicht mehr hören. Aber als Optimistin (zumindest allermeistens) habe ich mich bemüht, ein paar Silberstreifen am Horizont auszugraben. Und hier sind sie:

Die Gesellschaft lernt wieder, sich solidarisch zu verhalten

Reißerische Berichterstattung von Hamsterkäufen und Prügeleien im Supermarkt gibt es aktuell en masse. Aber es gibt auch das genaue Gegenteil davon: Nämlich eine Gesellschaft, die eine neue Solidarität lebt. Die Corona-Pandemie hat zur Gründung neuer, organisierter Nachbarschaftshilfen geführt. Man kauft für ältere, eingeschränkt belastbare oder kranke Mitmenschen ein und kümmert sich ein wenig mehr um die eigene Nachbarschaft. An Gabenzäunen werden Lebensmittelspenden für Obdachlose aufgehängt. Es gibt Grußkarten-Aktionen für Altenheim-Bewohner, die momentan keinen Besuch empfangen dürfen. Handarbeitsfans nähen Behelfs-Gesichtsmasken, und Besitzer von 3D-Druckern experimentieren mit druckbaren Hilfsmitteln. Unterm Strich bemühen sich aktuell viele, ihren Mitmenschen zu helfen. Und das ist wundervoll.

Der Rettungsdienst wird ökonomischer genutzt

Nachdem jahrelang die Einsatzzahlen (und damit auch die Kosten) stetig gestiegen sind, geht es aktuell im Rettungsdienst eher ruhig zu. Warum? Momentan will einfach keiner ins Krankenhaus! Und das völlig zu Recht. Die Notaufnahme wird nicht mehr als terminlose Hausarztpraxis missbraucht. Durch den großen Einsatz der Leitstellen werden viele Krankheitsbilder über den ärztlichen Bereitschaftsdienst bzw. die 116117 abgefangen. Niedergelassenen Ärzten gelingt es, Fragen und Bedürfnisse ihrer Patienten telefonisch zu lösen. Und generell entsteht der Eindruck, dass nicht mehr wegen jedem Piep der Notruf gewählt wird. Eine gute Entwicklung, von der wir hoffen, dass sie lange anhalten möge!

Händehygiene und Infektionsschutz sind in aller Munde

Was wir in all den Jahren der saisonalen Influenza nicht geschafft haben, ist dank Corona binnen weniger Wochen gelungen: Die Maßnahmen der Händehygiene und des Infektionsschutzes haben es endlich ins breite Bewusstsein der Bevölkerung geschafft. In Bussen und U-Bahnen hängen Poster zur Nies-Etikette, auf Info-Monitoren laufen Animationsfilme der BZgA in Dauerschleife, alle Welt sehnt den Corona-Impfstoff herbei. Wenn es gelingt, dieses Bewusstsein zu bewahren, werden wir alle – medizinisches Personal und Patienten –  noch jahrelang und unabhängig von den saisonal dominierenden Erregern von besserem Infektionsschutz profitieren.

Teams rücken enger zusammen

Auch wenn in Krankenhäusern, Praxen und im Rettungsdienst aktuell viele Mitarbeiter an ihre Belastungsgrenze und darüber hinausgehen müssen, sitzen wir doch alle im selben Boot. Mein persönlicher Eindruck ist, dass die Pandemie Teams näher zusammenbringen kann. Man achtet besser aufeinander, hilft sich, nimmt noch mehr Anteil wenn jemand erkrankt zu Hause bleiben muss. Da vielerorts die klassischen Aufgabenbereiche verschwimmen oder gemeinsam neue Strukturen wie Fieberzelte oder Behelfsnotaufnahmen gegründet werden, kommen Mitarbeiter zusammen, die bislang eher sporadischen Kontakt hatten. Das birgt natürlich Herausforderungen, ist aber im Grunde nichts anderes als eine riesige, teambildende Maßnahme. Und wenn wir diese Krise gemeinsam überstanden haben, werden wir hoffentlich auch in Zukunft entspannter, wertschätzender und freundlicher miteinander umgehen.

Personalmangel = Gesteigerte Wertschätzung der Medizinberufe

Oh glorreiche Erkenntnis – es ist nicht möglich, mit einem kaputtrationalisierten, lückenhaften Dienstplan eine globale Pandemie zu stemmen. Dass es erst Corona brauchte, um dieser Wahrheit Gewicht zu verleihen, ist traurig. Aber die Upside ist: Freie Stellen werden aktuell eiligst nachbesetzt, und chronisch unterbesetzte Teams gestärkt. Wer in einem Medizinberuf vor einigen Wochen noch Absagen erhalten hat, etwa wegen Teilzeitwünschen oder fehlenden Zusatzbezeichnungen, kann dieser Tage durchaus mit einem revidierenden Anruf der Personalabteilung rechnen. Momentan werden einfach alle Hände an Deck gebraucht. Und zwar anständig bezahlte, ausgeschlafene, gesunde Hände. Wer aktuell etwas zu verhandeln hat, sollte selbstbewusst verhandeln. Die flexiblen Angestelltenverhältnisse, die jetzt etabliert werden, helfen später der ganzen Berufsgruppe.

Wie ist eure Erfahrung? Welche Chancen in der Krise sind euch bereits begegnet? Ich freue mich auf eure Meinungen.

Herzliche Grüße,

Frau Sandmann